My ASICS: Interview mit Takehiro Tagawa

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Der Wissenschaftler hinter dem neuen Trainingsprogramm.

Anfang 2011 ist die nächste Entwicklungsstufe des beliebten Laufservice My ASICS online gegangen. Das Kernstück dieser neuen My ASICS-Version sind eine Reihe von Trainingsprogrammen, die von Takehiro Tagawa am ASICS Institut für Sport-Wissenschaft in Kobe, Japan, entwickelt worden sind.

Was sagt Takehiro Tagawa - Entwicklungsleiter in dem Team, das die neuen Trainingsprogramme für My ASICS am ASICS Institut für Sport-Wissenschaft in Kobe, Japan, entwickelt hat - über die Wissenschaft des Laufens und die Tests zur Entwicklung der Trainingsmethodik?

Stichwort „Anaerobe Schwelle“
Einer der wissenschaftlichen Ausgangspunkte für Tagawas Arbeit war die so genannte anaerobe Schwelle (ANS). Sie beziffert die höchstmögliche Belastungsintensität, bis zu der ein Gleichgewichtszustand („steady state“) zwischen Bildung und Abbau von Laktat aufrecht erhalten werden kann. Ab welcher Leistungsstufe der einzelne Organismus diese anaerobe Schwelle erreicht oder überschreitet, hängt dabei von verschiedenen – trainierbaren – Faktoren ab.

Takehiro Tagawa erklärt:
„Die Wirksamkeit des Trainings wird von drei grundlegenden Elementen definiert: Der Länge, der Häufigkeit und der Intensität der Trainingszeit. Während Häufigkeit und Länge leicht gemessen werden können, ist die ideale Trainings-Intensität schwerer festzustellen. Bei anderen Sportarten mag es eine Frage der vollen Verausgabung sein, beim Langstreckenlauf verhält sich das anders.“

“Bei einem stimulierten Körper verschlechtert sich der Gesundheitszustand sogar. An diesem Punkt braucht der Körper Ruhe und die richtige Ernährung, um sich zu regenerieren und zu verbessern. Sich auszuruhen, muss auch Teil des Trainings sein.” — Takehiro Tagawa

Es hat sich herausgestellt, dass die optimale individuelle Geschwindigkeit bei einem Marathon physiologisch als ANS ausgedrückt werden kann. Anders gesagt: „Wer sich darauf konzentriert, seine persönliche ANS zu verbessern, kann auch besser verstehen, was im Training notwenig ist, um einen Marathon erfolgreich zu laufen.“

Stichwort „Läufer-Aberglaube“
Trotz aller wissenschaftlichen Methoden und Berechnungen gibt es unter den Läufern immer noch viele Missverständnisse und falsche Vorstellungen. „Die Leute neigen dazu, an Dinge zu glauben - zum Beispiel daran, dass sie schneller werden, wenn sie mehr laufen. Wenn man sieht, dass schnelle Läufer längere Strecken laufen, während langsame Läufer nicht so viel schaffen, mag das logisch klingen. Wenn es um die  Verbesserung der Leistungsfähigkeit und der Wirksamkeit des Trainings geht, ist das aber nicht unbedingt korrekt.“

Eine weitere häufige Fehlannahme ist, dass man täglich laufen muss, um sich zu verbessern. Dazu sagt Takehiro Tagawa: „Es ist wichtig, zunächst einmal zu verstehen, dass sich bei einem permanent stimulierten Körper der Gesundheitszustand sogar verschlechtert. Heißt: Ab einem gewissen Punkt braucht der Körper Ruhe und die richtige Ernährung, um sich zu regenerieren und zu verbessern. Sich auszuruhen ist also auch ein Teil des Trainings." Das gilt übrigens erst Recht für das Laufen unter Schmerzen, betont Takehiro Tagawa: „Es macht keinen Sinn zu laufen, wenn einem etwas wehtut.“

Wenn man erkennt, dass Trainingsqualität vor Trainingsquantität kommt, versteht man auch, dass tägliches Laufen nicht unbedingt der beste Weg ist, um seine ANS zu verbessern. Dabei ermöglicht die von Takehiro Tagawa entwickelte Trainingsmethode es sogar, mit nur zwei Laufeinheiten pro Woche für einen Marathon zu trainieren.

Stichwort „Trainingstagebuch“

Ein Bestandteil von My ASICS ist das Trainingstagebuch, mit dem jeder Läufer seiner Läufe festhalten kann. Takehiro Tagawa betont die Bedeutung des Trainingstagebuchs, als effektive Trainingshilfe - gerade in Bezug auf die Trainingsintensität: „Intensität kann man als Geschwindigkeit verstehen. Seine Geschwindigkeit zu protokollieren, ermöglicht es einem, zu begreifen, mit welcher Intensität man an einem bestimmten Tag gelaufen ist.“ Takehiro Tagawa ist jedoch der Erste, der gleichzeitig darauf hinweist, dass diese Zahlen nicht wirklich belegen können, ob man in guter oder schlechter Verfassung ist. „Es ist wichtig, Fakten zu sammeln, um seine Leistungen analysieren zu können. Wir hören zu sehr auf die Meinungen anderer Leute und schaffen dann nicht das, was wir uns vorgenommen hatten. Wenn man aber Buch führt - zum Beispiel über die Menge an Schlaf und die Art der Ernährung - erhält man zusätzliche Informationen und bekommt so ein besseres und objektiveres Verständnis für seine Leistungsfähigkeit und seine Trainingsergebnisse.

Dabei gilt: Ein Trainingstagebuch wird noch effektiver und wertvoller, wenn man es über längere Zeit benutzt: „Man kann dann seine aktuellen Leistungen mit denen vergangener Saisons vergleichen und daraus Schlüsse ziehen. Zum Beispiel: 'Es ist in Ordnung, momentan in dieser Verfassung zu sein'.“

Stichwort „Das wahre Leben“
Die Trainingsmethode, die Takehiro Tagawa entwickelt hat, ist das Resultat „logischer Schlussfolgerung“ - wie er zu sagen pflegt. Zusätzlich hat er aber auch Zugriff auf die  Erfahrungswerte aus dem individuellen Training von über 200 Athleten unterschiedlichen Niveaus - von Anfängern bis zu erfahrenen Läufern. Diese Werte haben Takehiro Tagawa geholfen, seine Trainingsmethode zu verfeinern. Kein Wunder also, dass er sich auch entschieden hat, sie an sich selbst zu testen. „Es war 20 Jahre her, dass ich die Universität abgeschlossen und aufgehört habe, Sport zu treiben. Als ich dann wieder anfing, zu laufen, hatte ich Schwierigkeiten, auch nur 10 oder 15 Minuten durchzuhalten. Zum Glück gibt es aber Lauf-Trainingseinrichtungen. Also habe ich mich einem wissenschaftlichem Trainingsprogramm unterzogen und es nach sechs Monaten geschafft, meinen ersten Marathon in 3 Stunden und 39 Minuten zu laufen.“

Jetzt, da das neue My ASICS aktiv genutzt wird, ist Tagawa-san natürlich gespannt darauf, zu sehen, wie es im wahren Leben funktioniert. „Wir können My ASICS nicht selbst perfektionieren - alles hängt davon ab, wie viele unserer Benutzer damit arbeiten. Was mich am meisten interessiert sind ihre Ergebnisse und wie sich diese mit denen, die die Theorie vorausgesagt hat, vergleichen lassen. Und wenn diese Ergebnisse wirklich anders sein sollten, würde mich natürlich interessieren, was die Ursachen dafür sind.“

Neben diesem wissenschaftlichen Interesse, My ASICS weiterhin zu verbessern, ist Takehiro Tagawa übrigens auch richtig stolz darauf, sein Wissen mit Läufern teilen zu können. „Das Training erlaubt es einem, seinen Körper zu verändern. Leute fühlen sich dadurch anders und dieses Gefühl kann manchmal sehr tiefgründig sein. Ich fühle mich geehrt, zu diesem Prozess etwas beisteuern zu können.“